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Brief an Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch

20.12.2010
vom Vorsitzenden der Opernfreunde Bonn e.V., Ferdinand Kösters

Herrn
Oberbürgermeister
Jürgen Nimptsch
Rathaus
53111 Bonn

Sehr geehrter Her Oberbürgermeister,

die Opernfreunde Bonn verfolgen mit großer Aufmerksamkeit die derzeitigen Diskussionen um die Kulturpolitik und um die Finanzierung der kulturellen Einrichtungen in Bonn.

Fernab aller verständlichen emotionalen Aufgeregtheiten möchte ich hier nicht auf die von Ihnen nach unserer Meinung etwas unglücklich ins Gespräch gebrachte Schließung der Bonner Oper (oder anderer Sparten) eingehen, sondern in aller Sachlichkeit auf einige mir wichtig erscheinende Punkte hinweisen, die Ihnen bei Ihren weiteren Überlegungen hilfreich sein könnten.

Sie erwarten vom Generalintendanten, dass er Vorschläge für eine überregionale Kooperation mit anderen Bühnen, vornehmlich wohl Köln, vorlegen soll. Aber bringen Sie ihn damit nicht in eine fatale Situation? Macht er aus wohlüberlegten Gründen keine entsprechenden Vorschläge, gilt er als „Dauerverweigerer“, schlägt er Änderungen vor, wird ihm gleich, wie in der Vergangenheit bereits geschehen, entgegengehalten, er habe ja selbst Kürzungen oder Einsparungen vorgeschlagen. Das sollte man einem Intendanten nicht antun. Wäre es nicht besser, einen neutralen Gutachter mit einer solchen Frage zu beauftragen, einen Fachmann mit entsprechenden Kenntnissen der Theaterwelt, denn eine Kultureinrichtung kann nicht wie eine Fabrikationsstätte für Socken oder Kleineisenteile nur unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten beurteilt werden. Vielleicht kann hier der Deutsche Bühnenverein behilflich sein, der erst kürzlich zu Theater- oder Orchesterfusionen Stellung bezogen hat.

Eine überregionale Zusammenarbeit auf kulturellem Gebiet hört sich auf den ersten Blick immer sehr verlockend an, ist aber in der Vergangenheit regelmäßig gescheitert.

Gerne wird als Beispiel die „Bühnenehe“ Düsseldorf/Duisburg genannt, doch wird dabei übersehen, dass es sich hierbei keineswegs um eine Theaterfusion gehandelt hat. Die Stadt Duisburg hatte bis zur Gründung der „Deutschen Oper am Rhein“ überhaupt kein eigenes Opernensemble, sondern hielt den Opernbetrieb seit 1945 mit den damals üblichen Gastspielen fremder Bühnen aufrecht. Durch die „Fusion“ mit Düsseldorf wurde Duisburg sozusagen ein Abstecherort der Düsseldorfer Oper, denn die „Deutsche Oper am Rhein“ wird in der Öffentlichkeit nur als „Düsseldorfer Oper“ wahr genommen. Niemand spricht von einer „Duisburger Oper“ (vgl. hierzu auch: Ferdinand Kösters: „Als Orpheus wieder sang...Der Wiederbeginn des Opernlebens in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg“, Verlag Monsenstein und Vannerdat, Münster, 2009).

Andere Fusionsbestrebungen oder Versuche der Zusammenarbeit haben nicht zum Ziel geführt. So wurde die Fusion der Bühnen in Wuppertal und Gelsenkirchen nach einiger Zeit wieder aufgehoben, ähnlich auch der Versuch eines Zusammenschlusses in Hannover und Hildesheim. Weitere Versuche, etwa in Erfurt und Weimar, haben sich als nicht durchführbar erwiesen. Auch Kooperationsversuche in Berlin sind nicht vorangekommen.

Wie sollte eine solche Zusammenarbeit auch funktionieren? Abgesehen davon, dass beim Austausch von Produktionen für die Dekorationen wegen der unterschiedlichen Größe der Bühnen zusätzlich Kosten entstehen, ebenso für den Transport, werden auch die Künstler von einem Ort zum anderen befördert und umgekehrt. Wo sollen da Einsparungen möglich sein, wenn die Bonner Künstler in Köln und die Kölner in Bonn auftreten? Es sei denn, es kommt zu einem drastischen Personalabbau, der dann weniger Aufführungen und damit eine Minderung des Kulturangebotes zur Folge hat und, wie in Wuppertal/Gelsenkirchen und Hannover/Hildesheim geschehen, zu einem dramatischen Zuschauerrückgang führt.

In einem Punkt möchte ich Sie jedoch ermuntern, sich für eine überregionale Zusammenarbeit einzusetzen. Etwa ein Drittel unserer Mitglieder wohnt im Rhein-Sieg-Kreis. Ähnliche Zahlen gelten für die Theatergemeinde Bonn und die Freunde der Kammerspiele. Daraus kann gefolgert werden, dass auch die Besucher des Bonner Theaters zu einem Drittel aus dem Rhein-Sieg-Kreis kommen. Wäre es dann nicht angebracht, mit dem Rhein-Sieg-Kreis über eine finanzielle Zusammenarbeit zu reden? Ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie und auch die übrigen im Rat der Stadt Bonn vertretenen Politiker diesen Gedanken aufgreifen und mit dem Rhein-Sieg-Kreis in ernsthafte Gespräch treten würden.

Ein entsprechendes Schreiben der Opernfreunde an den Landrat des Rhein-Sieg-Kreises füge ich zu Ihrer Kenntnis bei.

Zum Abschluss möchte ich noch auf die bereits erbrachten Sparleistungen beim Theater Bonn hinweisen. Es kommt fast einer Strafaktion gleich, wenn eine Einrichtung wie das Theater Bonn, die seit dem Jahre 2000 bereits mehr als 125 Millionen Euro Sparpotential erbracht hat, bei jeder neuen Konsolidierungsdiskussion behandelt wird, als könne der Rotstift immer wieder von Neuem angesetzt werden. Trotz der enormen Kürzungen ist es Intendant Klaus Weise mit seinen großartigen Künstlern und tüchtigen Mitarbeitern und mit Hilfe des Beethovenorchesters unter Stefan Blunier gelungen, Bonn nach Meinung von kompetenten Fachleuten zu einem der besten Opernhäuser in Deutschland zu machen (vgl. Der Opernfreund und Der Märker, Wien). Dies darf auch im ureigenen Interesse der Stadt Bonn nicht zerstört werden. Eine Kuh, die bereits gemolken ist, kann keine Milch mehr liefern, es sei denn, man will sie verenden lassen. Und das Theater sterben zu lassen, kann doch eigentlich nicht die Absicht eines Oberbürgermeisters sein.

Ich möchte an Sie appellieren, bei der Aufstellung eines Kulturkonzeptes für Bonn die voranstehenden Überlegungen mit aufzunehmen.

Ich wünsche Ihnen ein frohes Weihnachtsfest und ein erfolgreiches Neues Jahr mit hoffentlich erfreulichen Ereignissen in Ihrer Stadt.

Mit den freundlichen Grüßen

Ferdinand Kösters